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Hans Söllner
Einmal singen kostete mich 40.000 Euro
 
In seinen Liedern hat Hans Söllner Politiker und Polizisten beleidigt. Dafür musste er hohe Strafen zahlen. Jetzt verkauft er sein Haus.

Bad Reichenhall, Berchtesgadener Land. Der Liedermacher Hans Söllner empfängt in seinem Elternhaus, das er jetzt verkaufen will, um endlich frei zu sein von all den Schulden. Sein Leben lang hat der ewige Rebell seine Meinung gesagt, am liebsten denen von der CSU - von Strauß bis Stoiber. Er hat dafür teuer bezahlt. Seine Strafen wegen beleidigender Liedtexte summieren sich auf etwa 300.000 Euro. Söllner, 54, hat seine Dreadlocks abgeschnitten, die blonden verfilzten Haarsträhnen. "Die hab ich für 800 Euro bei Ebay verkauft", sagt er und grinst. Ein Gespräch über Geld, Schulden und den Preis der Frechheit.

SZ: Herr Söllner, reden wir über Geld. Ein schönes Haus haben Sie hier, es gehört Ihrer Familie seit mehr als 70 Jahren. Wie schwer fällt Ihnen der Verkauf?

Hans Söllner: Ach, überhaupt nicht, ich hab da herinnen eine wirklich gute Zeit erlebt und eine wirklich schlechte. Jetzt hab ich eine Mitte erreicht, wo ich sage, ich kann loslassen. Endlich.

SZ: Was war denn die schlechte Zeit?

Söllner: Meine Eltern haben viel gestritten, das war ein Streithaus. Meistens ging es ums Geld, wie so oft, wenn Familien nicht funktionieren. Mein Vater war schwer alkoholgeschädigt. Als ich das Haus Mitte der Achtziger übernahm, hab ich alle Fenster ausgehängt und das Haus drei Monate offen stehen lassen. Ich habe jeden Tag Räucher-Zeremonien gemacht, damit das Schlechte rausgeht.

SZ: Haben Sie auch mit Ihren Eltern gestritten?

Söllner: Mei, ich hab mir halt die Haare lang wachsen lassen. Für meinen Vater und meinen Opa gab es aber nur einen Haarschnitt: kurz! Manchmal war der Streit so gnadenlos, dass ich abends mein Zimmer abgesperrt habe, aus Angst, der Vater kommt in der Nacht rauf. Irgendwann bin ich nach München abgehauen.

SZ: Wovon haben Sie dort gelebt?

Söllner: Ich war ja ausgelernter Mechaniker, hab aber nur 700 Mark verdient. Ich wollte nämlich nicht den ganzen Tag arbeiten, mir hat der Vormittag gereicht. Am Nachmittag hab ich lieber Gitarre gespielt und Lieder geschrieben.

SZ: Wie sind die Leute auf Sie aufmerksam geworden?

Söllner: Meine erste Platte habe ich gemacht, da war ich noch Mechaniker. Auf einmal rief einer vom Kurhaus in Ruhpolding an und sagte: Magst a mal spielen bei uns, die Leut' reden alle vom Söllner. Ja, hab ich gesagt, ich komm vorbei. Wir haben die Einnahmen fifty-fifty geteilt.

SZ: Wie viel war das?

Söllner: Der vom Kurhaus hat mir 6000 Mark in die Hand gedrückt. Mein erster Gedanke: Ich muss zehn Monate nicht arbeiten! Ich hab mir ein Motorrad gekauft, weil ich geglaubt habe, so viel Geld bekomme ich nie wieder.

SZ: Was verdienen Sie heute?

Söllner: 350.000 Euro im Jahr. Davon zahle ich aber noch meine Band und alles andere. Am Ende des Jahres stehe ich bei plus minus null. Aber jetzt verkaufe ich ja das Haus.

SZ: Hat Ihnen Ihr Vater das Haus einfach so überlassen?

Söllner: Ich hab einen Deal gemacht und ihm und der Mutter eine Doppelhaushälfte gekauft. Mein Vater lebte richtig auf, als er aus dem Streithaus auszog. Der Umzug war wie eine Neugeburt.

SZ: Wir verstehen immer noch nicht ganz, warum Sie jetzt ausziehen wollen.

Söllner: Ich habe mit dem Haus abgeschlossen. Außerdem würde ich gerne mit dem Geld aus dem Verkauf die beiden Häuser abbezahlen, in denen meine Kinder wohnen. Ich will raus aus den Schulden und weg von den Banken.

SZ: Weg von den Banken?

Söllner: Ja, ich will aus dem Bankgeschäft aussteigen. Ich will meine ganzen Konten auflösen.

SZ: Wieso das?

Söllner: Ich will nicht mit Leuten zusammenarbeiten, die für mich schlicht Verbrecher sind. Ich sehe nicht ein, dass, wenn ich Geld brauche, ich den Banken 14 Prozent Zinsen zahlen muss - und wenn ich denen Geld gebe, nur anderthalb kriege.

SZ: Aber Sie sind doch nicht allein wegen Ihrer Haus-Kredite verschuldet, sondern eher wegen Ihrer Songtexte.

Söllner: Ja, das hat mich auch viel Geld gekostet. Einmal habe ich einer Polizistin in einem Lied gesagt, was ich von ihr halte. Die hat mich verklagt, ich durfte das Lied nicht mehr singen. Ich hab's trotzdem nochmal gesungen. Und nochmal. Das muss man sich mal vorstellen: Ein Lied singen, macht 40.000, nochmal singen 80.000.

SZ: Wie viel haben Sie Ihre Beleidigungen eigentlich gekostet?

Söllner: Grob geschätzt 300.000 Euro. Ja, das könnte hinkommen, mit Gerichts- und Anwaltskosten. Wahrscheinlich ist es noch mehr.

SZ: War es das wert?

Söllner: Ich hätte es nicht anders machen können. Ich lasse mir von niemandem den Mund verbieten, versteht's?

SZ: Sie haben den bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß zu dessen Lebzeiten einen "dreckigen Faschisten" genannt und gesagt: "Der Gauweiler sieht so aus, als ob wir die Reichskristallnacht noch vor uns hätten." Solche Nazi-Vergleiche sind doch immer falsch und dumm.

Söllner: Ja! Aber der Strauß und die Seinen haben mir meine Wesenszüge verboten: Laut zu sein, spontan zu sein, ordinär zu sein. Es ist ja nicht so, dass ich in der Früh aufgestanden bin und mich gefragt habe: Wen beleidige ich heute? Wir haben halt in Bayern eine andere Streitkultur als in Hamburg.

SZ: Und die wäre?

Söllner: Ich habe mich immer an einen Spruch vom Strauß gehalten: Wir sind Bayern, wir langen halt ein bissl härter hin! Das hab ich auch gemacht.

SZ: Und teuer dafür bezahlt.

Söllner: Und wie! Im Fall mit der Polizistin sollte ich 80.000 Euro zahlen. Der Richter wollte wissen, wie viel ich verdiene, um die genaue Summe festzulegen. Da hab ich gesagt: Verdammt, fragt's doch euer Finanzamt, das weiß es am besten! Ich hatte zwar genug Geld auf dem Konto, aber meine Frau war damals schwanger, ich hätte einen Kredit aufnehmen müssen, alleine um meine Steuern zahlen zu können.

SZ: Haben Sie die Strafe gezahlt?

Söllner: Ich hab denen bei Gericht gesagt, dass ich lieber in den Knast gehe. Eines Tages kommt ein Schreiben vom Gericht, eh schon so ein aggressives Kuvert!

SZ: Was ist ein aggressives Kuvert?

Söllner: "Amtsgericht Sonthofen" steht da drauf und "Eilsache", mit 50 verschiedenen Briefmarken! Also mach ich das Kuvert auf, und da steht ganz groß: "Achtung! Haft droht!" Und ich hab mir gedacht: Okay, super, dann brauch ich mich gar nicht mehr melden, dann melden die sich eh von sich aus bei mir.

SZ: Und wie war es im Knast?

Söllner: Ich durfte gar nicht rein! Eines Tages geh ich auf die Bank und meine Konten sind gesperrt, von der Staatsanwaltschaft. Eine Woche später waren die 80.000 Euro weg. Die haben das abgehoben, weil ich das Geld ja hatte. Also musste ich das machen, was ich gar nicht wollte, einen Kredit aufnehmen. Seitdem ist für mich klar: Was immer du auch entscheidest, ist eigentlich egal.

SZ: Aber das Lied haben Sie nie mehr gesungen.

Söllner: Ja. Damals hätte mir die Bank ein Haus um ein Haar gepfändet. Das war der Moment, wo ich mir überlegt habe: Hast du das wirklich nötig? Die Beamten werden doch dafür bezahlt, acht Stunden am Tag Leute zu schikanieren, da hast du als Einzelner mit deinem Kampf keine Chance.

SZ: Jetzt stilisieren Sie sich aber ziemlich hoch. Wofür kämpfen Sie denn?

Söllner: Für meine Vorstellung von Freiheit. Angefangen hat es damit, dass ich mich für die Legalisierung von Marihuana eingesetzt habe. Dann ist es losgegangen: Hausdurchsuchungen, Autokontrollen, Konzertabriegelungen.

SZ: Sie haben mit Beleidigungen gegen Politiker und Polizisten reagiert. Das steht nun mal unter Strafe.

Söllner: Ich habe meine Prozesse verloren, weil ich gesagt habe: Was bedeutet das, wenn die Richter und Staatsanwälte da vorne auf einem Podest sitzen und ich muss hier unten sitzen? Das möchte ich nicht, ich will auf Augenhöhe mit euch reden. Man hat mich nicht gelassen.

SZ: Sie haben sich um alles gestritten. Einmal musste im Gerichtssaal ein Kruzifix abmontiert werden, damit Sie sich bereit erklären, Ihre religiöse Kopfbedeckung abzunehmen.

Söllner: Das war nur ein kleiner Erfolg. Die Richterin hat mich danach noch 48.000 Euro gekostet. Sie hat zu mir gesagt: Nehmen Sie Ihre Kopfbedeckung ab. Sag ich: Ziehen Sie doch Ihre Kutte aus. Sagt sie: Das ist meine Arbeitskleidung. Sag ich: Diese Kappe gehört zu meiner Arbeitskleidung, ich bin Rasta! Sagt sie: Sie können rasten, wo Sie wollen. Dann hab ich sie beleidigt. Macht 48.000 Euro. Heute denke ich mir meinen Teil und halte meinen Mund.

SZ: Der Söllner ist brav geworden.

Söllner: So ein Schmarrn! Früher hab ich gesagt: Der Haider, der Beckstein, der Strauß. Heute sag ich halt: unsere Politiker. Das ist nicht strafbar. Aber ich sag immer noch, was ich denke.

SZ: Empfinden Sie noch dieselbe Wut wie früher?

Söllner: Klar, wenn ich die Sprüche zur Hartz-IV-Debatte höre, muss ich sagen: Eine gesunde Demokratie verträgt 3,23 Prozent Faule. Die gab es schon immer. Ich bin ja längst für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Ich nenne es Menschengeld, weil die einzige Gegenleistung dafür sein soll, Mensch zu sein.

SZ: Ihr Publikum bleibt Ihnen seit Jahrzehnten treu, und es kommen immer wieder junge Fans nach. Was glauben Sie, warum die zu Ihren Konzerten kommen?

Söllner: Die Leute erleben dasselbe wie ich: Ärger, Stress, Diskriminierung. Wenn sie zu mir kommen, lachen wir gemeinsam über unsere eigene Blödheit, dass wir uns das alles gefallen lassen. Wir lachen, haben zwei Stunden eine Riesengaudi. Und dann gehen alle mit einem Strahlen raus.

(SZ vom 19.03.2010/tob)
 
Datum: vom 20.03.2010
Publikation: SZ
Autor/-in: W. Luef u. A. Mühlauer
 
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